04. Juni 2010, in: Der StZ-Lauf, Tiere Kinder Pflanzen

Hallo Hitchcock oder Gut zu Vögeln

von Tobias Köhler

Nein, das ist keine Urban Legend. Ich habe auch nicht Alfred Hitchcocks “Die Vögel” unter gleichzeitigem Konsum halluzinogener Drogen angeschaut.

Ich bin tatsächlich zweimal in einer Woche beim Joggen von einem Vogel attackiert worden.

Wir reden nicht von einer Killeramsel oder einem aufgebrachten Rotkehlchen.

Vermutlich handelte es sich um einen Bussard.

Der hat sein Einfamilienhäuschen offenbar in der Nähe von Schloss Solitude aufgeschlagen, auf der Straße Richtung Gerlingen. Da laufe ich regelmäßig vorbei.

Etwa am Sonntag. Der MP3-Player düdelte gerade Massive Attack, als ich massiv attackiert wurde: aus heiterem Himmel kriegte ich einen gewaltigen Schlag auf den Kopf. Ziemlich benommen schaute ich herum: nichts zu sehen. Weder oben noch unten noch im Gebüsch. Die am wenigsten unwahrscheinliche Begründung schien mir, dass ein vorbeifahrendes Auto mir Kieselsteine an den Kopf geschleudert hatte. Oder irgend ein Fiesling war im Gebüsch gesessen und hatte mir nen Stein an den Kopf geworfen.

Soll es ja heutzutage geben.

Habe jedenfalls ne ziemliche Beule von der Aktion davongetragen.

Richtig gruselig wurde es aber am Donnerstag.

In der Gewissheit, dass einem nicht zweimal an der selben Stelle Steine an den Kopf geworfen würden, joggte ich relativ entspannt an der selben Stelle vorbei. Allerdings mit wachsamen Augen aufs Gebüsch – womöglich saß da ja wieder so ein Steinewerfer.

Man weiß ja nie.

Und just an der gleichen Stelle kriegte ich wieder fett eine gewischt. Wieder war im gleichen Augenblick ein Auto an mir vorbeigefahren. Dieses Mal hielt der Fahrer, setzte zurück und fragte mich, ob alles okay sei.

Sei es schon irgendwie, sagte ich – und fragte, ob er ne Ahnung hätte, was da eben passiert sei.

“Ja, klar, ein Vogel hat Sie angegriffen.”

“Ein Vogel???????”

“Ja, ein ziemlich großer.”

“Aha!”

Woraufhin der Autofahrer seines Weges fuhr – und es richtig fies wurde.

Dieses Mal wollte mir das Vieh offenbar den Rest geben. Kaum war das Auto weg, schaute ich nach oben in die Bäume – und sah einen ziemlich riesigen Greifvogel auf mich zu rasen. Im letzten Moment duckte ich mich, das Ding flog über mich drüber und kehrte gemütlich auf seinen Baum zurück. Aber nur, um postwendend wieder Kurs auf mich zu nehmen. Dieses Mal rauschte es deutlich tiefer an – und – ohne Witz! – ich musste mich mit ner Rolle seitwärts auf die Straße werfen, um dem Angriff zu entgehen.

Da mein Körper zu diesem Zeitpunkt bereits aus ca. 92 Prozent Adrenalin bestand, rannte ich in neuer Weltrekordzeit in die schützenden Durchgänge von Schloss Solitude.

Murphy’s Law entsprechend ist Schloss Solitude natürlich der am weitesten von meinem parkenden Auto entfernten Punkt auf dem Weg. Weshalb ich zirka sechs, sieben Kilometer unter ständigem nach hinten gucken heimjoggen musste. Abgesehen davon stellten sich mir zugegebenermaßen einige Fragen zum Thema Selbstverständnis – schließlich muss es ja irgendeinen Grund gegeben haben, weshalb ein Raubvogel mich mit einer Maus verwechselt hatte. Am Körperbau lag es vermutlich nicht, auch ansonsten begrenzt sich die Ähnlichkeit auf einen kaum feststellbaren Überbiss. Am Tempo kann es auch nicht gelegen haben. Mäuse sind in der Regel schneller als ich.

Auf dem Heimweg stoppte ich kurz am Polizeirevier Gutenbergstraße – man muss die Leute ja vor so einem wild gewordenen Vieh warnen. Anständigerweise behandelte man mich nicht wie erwartet wie einen armen Wahnsinnigen. Ein Polizist erzählte, es käme durchaus mal vor, dass brütende Bussarde einzelne Menschen angreifen würden – man werde mal den Förster informieren.

Da nicht mit einer Verhaftung des Viehs zu rechnen ist, werde ich in nächster Zeit mal meine Laufstrecke etwas modifizieren. Die Angst aber bleibt – denn jetzt weiß ich, dass ich als schutzloser Jogger jederzeit das Opfer von wild gewordenen Wieseln, eitlen Eichhörnchen oder rabiaten Rehen werden kann.

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8 Antworten zu “Hallo Hitchcock oder Gut zu Vögeln”

  1. sebastian sagt:

    in dem waldstück zwischen kräherwald und waldheim (möhringen? das bei der daimlerzentrale)jedenfalls gibt es auch einen killerkranich oder eine mördermöwe. ich bin dort jedenfalls auch schon 2mal angeflogen worden.

    schon erstaunlich, wie groß die viecher werden, wenn sie nicht auf einem baum sitzen, sondern im sturzflug auf einen herunterschießen.

  2. Lieber Sportreporter: Katzenkostüm beim Joggen tragen, das hilft. (Bei mir jedenfalls)

  3. Steinbam sagt:

    Ein Bekannter von mir hat vor kurzem am Bärensee das folgende Foto geschossen: http://www.maegle.de/main.php?g2_itemId=18437
    Auch wenn das Vieh wahrscheinlich ungefährlich ist, beruhigt mich das kein Bisschen…

  4. Andreas sagt:

    Da bin ich aber froh, dass “mein” Bussard sich heute Morgen wieder zehn Minuten lang mit Scheinangriffen begnügt hat, bis ich aus seinem Revier draußen war. Trotzdem war mir etwas mulmig, nachdem ich ja vorher den Eintrag hier gelesen hatte.

    @Steinbam: also bitte, das sieht mir doch ganz nach einer popligen Ringelnatter aus ;-) . Das schlimmste was Dir bei der passieren kann, ist dass sie Dich vollsch… wenn Du sie nicht in Ruhe lässt. Normalerweise stellen die sich einfach tot wenn sie nicht entkommen können.

  5. [...] Sport treibt, lebt gefährlich. Das hat Tobis Hitchcock-Episode eindrucksvoll bewiesen. Hätte es also eigentlich wissen müssen, als ich am Freitag die [...]

  6. Bussard sagt:

    Bingo! So leid es mir um dein Andrenalin und die Schramme tut, aber endlich wehrt sich mal einer von uns Bussarden gegen das überall Rumgejogge und Rumgefahre. Wir Bussarde wohnen dort schließlich seit hunderten von Jahren und wir besuchen euch ja auch nicht auf eurem Sofa!

  7. Tine sagt:

    Mich hat der Bussard heute morgen gegen 9:30 auch erwischt – von Schloss Solitude aus kurz vor der Engstelle, wo die Straße abgestürzt ist. Ich war allerdings schon vorgewarnt durch eine Läuferin, die mir mit blutendem Kopf entgegenkam. Mich hat wohl mein Käppi vor größeren Verletzungen geschützt.

  8. [...] Nach dem überwältigenden Mitgefühl, das unseren Autoren nach seinem Bussard-Beitrag neulich errei…, wollen wir euch folgende Polizeimeldung keinesfalls vorenthalten: [...]