12. Februar 2010, in: Mord und Totschlag, Sweetheart Stuttgart

Der Winter und ich (I)

von Tobias Köhler

Habe das Telefon auf Lautsprecher gestellt. Eine Minute lang dudelt irgendeine Porno-Hintergrundmusik, dann sagt eine sehr nette Frau: “Im Moment haben wir sehr viele Kundenanfragen. Wir bitten Sie deshalb um etwas Geduld.Wir verbinden Sie mit dem nächsten freien Kundenberater.” Dann dudelt es wieder eine Minute lang.

Tja, was soll man sagen: Offenbar haben zahlreiche andere Trottel ebenso wie ich den Wintereinbruch genutzt, um einen kleinen Auffahrunfall zu verursachen. Kein Wunder, dass die Schadensaufnahme meiner Kfz-Versicherung kollabiert. Und wahrscheinlich die Mittagspause ausfallen lassen muss.

Dafür – und das ist auch was wert – habe ich gestern Abend einen unwahrscheinlich netten und gelassenen Manager eines örtlichen Konzerns kennengelernt. Indem ich mit meiner Smart-Plastikkugel hart an seiner nagelneuen E-Klasse entlanggeschrammt bin.

Er hat an der roten Ampel am Schöttle-Platz im Süden gebremst, ich habe an der roten Ampel am Schöttle-Platz im Süden gebremst. Sein Auto ist stehen geblieben. Meines ist einfach weitergefahren. Das letzte bisschen Herrschaft, das ich über mein Auto hatte, habe ich dazu genutzt, wenigsten einen direkten Zusammenstoß zu vermeiden.

Völlig klar, dass da nun ein fluchender Schwabe aussteigen würde, der mich (zu recht, zugegeben) erstmal zur Sau macht. Mir 500 Jahre Kehrwoche an den Hals wünscht, mich zu lebenslangem Kässpätzle-Entzug verdonnert und meine Seele der ewigen Finsternis eines Trollingerkellers anempfielt.

Doch – Wunder, oh Wunder – ein freundlicher Mensch mit französischem Akzent entstieg der Karosse, bat mich freundlich auf seinen Beifahrersitz (“Hier draußen ist es ja wohl zu kalt”) – und wir plauderten angereget über Stuttgart (“Am Anfang habe ich hier immer französisch eingeparkt, dafür haben mich die Leute gehasst”) , die Welt (“Schade, eigentlich wollte ich jetzt meine Kinder ins Bett bringen”) und Autos (“Ach was? Sie kennen Ihre Autonummer auch nicht auswendig?”).

Wir sind nach 15minütigem Gespräch in bester Stimmung auseinandergegangen. Mein Plastikauto scheint ohnehin keinen Schaden davongetragen zu haben (siehe Foto). Jetzt würde ich den Unfall nur noch gerne meiner Versicherung melden. Nachdem ich das nun geschrieben habe, stecke ich immer noch in der Warteschleife. Und die freundliche Dame verspricht mir, dass der nächste freie Kundenberater für mich da sei.

Ist er nicht. Ich lege nämlich erstmal auf.

Tags: , , ,

3 Antworten zu “Der Winter und ich (I)”

  1. Beim nächsten mal gleich vor der Abfahrt präventiv anrufen. Bis da jemand rangeht, hat man bestimmt irgendwas kaputtgefahren.

  2. Bei welchem Konzern arbeiten so nette Menschen?

  3. Tobias Köhler sagt:

    Das verrate ich mit Rücksicht auf die möglichst reibungslose Abwicklung des Versicherungsfalls natürlich nicht.